
St. Michaelis im Schlussverkauf

Katalog

Aktionstage St. Michaelis im Ausverkauf
Konzept St. Michaelis im Schlussverkauf (2010)
St. Michaels befindet sich im Südwesten der Altstadt Braunschweigs nahe der alten Stadtmauer, von der heute nur noch Reste vorhanden sind, im früheren „Arme-Leute-Viertel“.
Den Bau der Kirche finanzierten einst private Spender. Bischof Bruno von Hildesheim weihte 1157 die kleinste der Braunschweiger Pfarrkirchen. Rund vierhundert Jahre später wurde St. Michaelis 1528 zur lutherischen Pfarrkirche.
Während die alten Fachwerkhäuser rings um die Kirche im zweiten Weltkrieg vollständig zerstört wurden, blieb St. Michaels wie durch ein Wunder fast unbeschadet. Die Denkmalschützer des Landes Braunschweig richteten in Braunschweig nach dem Krieg in der fast völlig zerstörten Innenstadt fünf „Traditionsinseln“ ein, zu denen auch das Viertel um die Michaeliskirche gehörte. Heute beherbergen diese Häuser und andere Neubauten rund um die Michaeliskirche, wie etwa der Michaelishof, Wohnungen des Studentenwerks.
Wie alle Kirchen in Deutschland kämpft auch die Braunschweiger Landeskirche um ihre Zukunft. Sämtliche Gotteshäuser zu unterhalten wird durch hohe Kirchenaustrittszahlen und dramatisch gesunkene Kirchensteuereinnahmen, auch eine Folge hoher, langanhaltender Arbeitslosigkeit, zu einem großen Problem. Mancherorts blieb nur die schmerzhafte Lösung, Kirchen zu entweihen und zu verkaufen. Die Nachnutzungen sind vielfältig. So zogen etwa Café-, Restaurant- und Ladenbetreiber ein. Der Braunschweiger Kirche St. Michaelis könnte so ein Schicksal ebenfalls drohen. Ein finanzkräftiger Nachbar der Kirche, ein Caféhausbesitzer, hat bereits sein Interesse an der kleinen Kirche bekundet.
Die Gemeinde will diesen Kirchenverkauf unter allen Umständen verhindern. Die Michaeliskirche soll für alle Menschen als Gotteshaus offen bleiben.
In der Bewahrung dessen, was war, stehen die heutigen „Kirchenerhalter“ in einer Linie mit den Denkmalschützern in der Braunschweiger Nachkriegszeit. Der Landeskonservator Kurt Seeleke kämpfte in einer Zeit, in der die Bürger, die den Krieg überlebt hatte, noch unter dem traumatischen Schock der fast völligen Zerstörung ihrer Stadt standen, gegen die Abrisspläne und vorbehaltlosen autogerechten Wiederaufbauideen der Stadtplaner. Die nachträgliche Zerstörung, die sich in rigoros geschlagenen Straßenschneisen zeigt, führte der Stadt weitere schwere Wunden zu. Der komplette Abriss ließ sich durch die Bewahrung der „Traditionsinseln“ verhindern. Sie sind heute ein wertvolles Zeugnis Braunschweiger Geschichte, von den Bürgern geliebt und identitätsstiftend. Droht heute der Kahlschlag vermeintlich überflüssiger Institutionen und ihrer Einrichtungen? St. Michaelis ist das Herzstück eine der Braunschweiger Traditionsinseln und darf seinen Gemeinschaftscharakter nicht verlieren. Der soziale Zusammenhalt in der Innenstadt wäre auf Dauer gefährdet.
Das Konzept „Kirche im Schlussverkauf“ stellt sich auf die Seite der Kirchenerhalter. Zugleich soll die Kunstaktion eine Diskussion zur Reform der Kirche initiieren, denn die meisten Menschen scheinen heute gut ohne Kirche auszukommen. Ausnahmen bilden allenfalls die Festtage und besondere Lebensereignisse, wie Hochzeiten und Begräbnisse.
Das Schlagwort der Aktion heißt „Vermarktung“. Der Ausverkauf scheinbar überflüssigen Besitzes, wie ihn die öffentlichen Kommunen schon seit langer Zeit betreiben, ist eine „Lösung“, der sich auch Kirchleitungen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten unterwerfen. „Alles muss raus“, damit wieder Neues nachkommen kann, heißt die Zauberformel, auch wenn dies dann zwangsläufig an einem anderen Ort entstehen muss.
Der öffentliche Raum in der Traditionsinsel wird mit Plakaten, die werbewirksam auf die Aktion aufmerksam machen, einbezogen. An der Außenseite der Kirche hängen große Plakate, die die Kirche mit typischen Slogans zum Verkauf preisen. Der Innenraum der Kirche erscheint optisch zweigeteilt. Eine Hälfte ist mit grellorangenen und roten Preisetiketten überzogen. Diese typischen Sonderpreisetiketten, die den Schnäppchencharakter hervorheben, überziehen den sakralen Raum gleichsam einem Schimmelteppich. In der anderen Hälfte sind Verkaufstische vorbereitet: Grabbeltische, mit Preisetiketten-Bilden und Objekten, wie etwa Kreuze, sorgen für die richtige Supermarktatmosphäre.
Kein Besucher muss mit leeren Händen nach Hause gehen, denn die kleinen Original-Kunstwerke dieser „Kirchen-Supermarkt-Kunst“ sind tatsächlich zu kaufen. So wird die Idee dieser Kunstaktion einerseits mit nach Hause getragen. Andererseits erzeugt die Aktion auch das „Shopping-Erlebnis“, dass bei der erfolgreichen Schnäppchenjagd noch eine Steigerung erfährt.
Für die Umsetzung des Konzepts sind etwa drei Monate Vorlaufzeit geplant. Voraussetzung ist die Mitwirkung der Gemeinde. So könnten zum Beispiel die Konfirmanden dabei helfen, die Kirchenbänke, die Kanzel, die Wände, die Türen usw. mit großflächig mit Preisetiketten zu überziehen.
Zur Finanzierung der Aktion wurde ein Sponsor gewonnen. Die Firma Contact, die Preisetiketten und Auszeichnungsgeräte herstellt, ist bereit, das Projekt zu unterstützen.
Die Reaktionen auf die Kunstaktion sind vermutlich sehr unterschiedlich. Bei denen, die mit dem Ausverkauf hadern, wird die ironische Brechung der Vermarktung „ihrer Kirche“ auf viel Zustimmung treffen. Ihre schlimmsten Befürchtungen spiegeln sich darin wieder. Durch die möglicherweise aktive Mitwirkung an der Verwirklichung der Aktion, erleben sie sich als solidarische Gemeinschaft für den Kirchenerhalt. Daraus kann Mut für den weiteren Einsatz zum Erhalt der Kirche als „Kirche für alle“ erwachsen.
Mit der provokanten Überspitzung des Ausverkaufs zur Verramschung auch sakraler Symbole ist Widerspruch nicht nur beabsichtigt, sondern sogar erwünscht. Nur damit lassen sich fruchtbare Diskussionen anschieben, um letztlich „die Kirche im Dorf zu lassen“. Was Jesus mit der Tempelreinigung einleitete und Martin Luther durch die Reformation fortführte, erscheint heute wieder dringend notwendig: Eine innere Erneuerung, um dem Kahlschlag entgegenwirken zu können.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus! Warum eigentlich nicht? Kirche zum Schleuderpreis!
Ein leerer Stall bleibt zwar sauber, aber ohne Rinder gibt es keinen Ertrag (Psalm 14, Vers 4). Ausverkauf!
Im Haus des Herrn darfst du wohnen für lange Zeit (Psalm 23, Vers 6). Aber vorher kaufen! Schnäppchenpreis!
Herberge gesucht? Heute zum Schleuderpreis!
Unser täglich „Bierchen“ gib uns heute! Auch Ihre Kirche jetzt eine Kneipe?
Pastor im Schlussverkauf!
Alles muss raus! Auch das Gotteshaus!
Liebe Deinen Makler wie Dich selbst!
Selig sind, die „Knete“ haben (Lukas 11, Vers 28).
Saufen statt taufen!
Kirche im Ausverkauf, so klingelt’s im Beutel!
Der Herr hat’s gegeben, der Reiche genommen.
Altar – Resterampe
Junger Mann, alleinstehend, sucht neue Wohnung!
Beste Lage, paradiesischer Preis!
Bratwurst und Oblaten
Heiligenscheine im Megapack!